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Themen: Bundesverwaltung, GEVER, Microsoft, Öffentliche Beschaffung, Open Government Data, Presse


Artikelhinweis Tagesanzeiger/Der Bund (PDF):

19.11.2011 – Der neue Informatikchef des Bundes räumt auf – und stoppt ein millionenschweres IT-Projekt.

Bis Ende dieses Jahres sollte die Bundesverwaltung papierlos werden: Die rund 37 000 Bundesangestellten sollten auf einen elektronischen Schriftenverkehr umsatteln. So sah es jedenfalls ein Aktionsplan vor, den der Bundesrat 2008 verabschiedet hatte. Mittlerweile hat sich gezeigt, dass die flächendeckende Einführung der elektronischen Geschäftsverwaltung (Gever) länger als ursprünglich geplant auf sich warten lässt. Und nun muss der Bund bei diesem Vorhaben einen weiteren schmerzhaften Rückschlag einstecken: weil sich die Weiterentwicklung nicht lohnt, zieht das Bundesamt für Informatik und Telekommunikation (BIT) einer eigenen, auf Microsofttechnologie basierenden Softwarelösung den Stecker raus, wie das Fachportal Inside-it.ch berichtet. Der neue BIT-Direktor Giovanni Conti setzt damit einen Schlussstrich unter ein IT- Projekt, das seit dem Jahr 2005 zahlreiche eigene IT-Spezialisten wie auch externe Softwarefirmen beschäftigt hat und in Fachkreisen schon länger in der Kritik stand.

 

„Nicht kostendeckend“

Beim Bundesamt für Informatik bestätigt man den Übungsabbruch: «Eine interne Untersuchung über die künftigen Entwicklungskosten hat ergeben, dass die anstehenden Investitionen, die wir tätigen müssten, nicht kostendeckend wären», sagt BIT-Sprecher Claudio Frigerio. Laut gut unterrichteten Quellen wäre ein guter Teil dieser Mehrkosten entstanden, weil die Lösung des Bundes auf einer älteren Version der Microsoft-Software Sharepoint basiert. Mit dem Erscheinen der neuen Version 2010 müsste der Bund bei seinen IT-Arbeiten wieder von vorne anfangen.

Die Software mit dem Namen Gever Office war erst vor einem Jahr als Standard anerkannt und in einigen Ämtern bereits als Pilotprogramm eingesetzt worden. So etwa in der Steuerverwaltung, welche die Amtshilfeverfahren mit ihm realisierte. Später dann hätte das Produkt in verschiedenen anderen Bun- desämtern flächendeckend Einzug halten sollen.

Die eigens entwickelte Lösung sollte dabei als Konkurrenzprodukt zum teu- ren Produkt Fabasoft positioniert werden, das von einem österreichischen Softwarehersteller stammt und in der öffentlichen Verwaltung eine Monopolstellung geniesst. Doch aus dem geplanten Angriff wird nun nichts. Im Gegenteil: Der Bund muss jetzt wieder praktisch bei null anfangen. Er ist gezwungen, nächstes Jahr im Rahmen einer Ausschreibung gemäss WTO-Richtlinien ein neues Produkt zu beschaffen.

Doch wieviel Geld muss der Bund wegen des Übungsabbruchs abschreiben? Laut dem Bundesamt für Informatik schlagen die Entwicklungskosten mit 7,5 Millionen Franken zu Buche. Dabei dürfte es sich allerdings bloss um die Spitze des Eisbergs handeln: Denn die Kosten, die bei den betroffenen Behörden anfallen, dürften noch höher sein. Der Bundesrat veranschlagt für die Einführung der elektronischen Geschäftsverwaltung pro Arbeitsplatz zwischen 6000 und 9000 Franken. Bei geschätzten 500 bis 1000 Personen, die heute mit der Lösung von Microsoft und Bund arbeiten, muss der Bund somit im Maximum weitere 9 Millionen Franken berappen. Hinzu kommen weitere Kosten für die Evaluation einer neuen Alternative zu Fabasoft. Die Parlamentarische Gruppe «Digitale Nachhaltigkeit» hat denn auch bereits Alarm geschlagen. Ihre Co-Präsidentin, die Thurgauer SP- Nationalrätin Edith Graf-Litscher, verlangt vom Bundesrat, Rechenschaft über das undurchsichtige Projekt abzulegen, und erwartet eine lückenlose Aufklärung der Vorgänge. Sie spricht aber auch von einem mutigen Schritt des neuen BIT-Direktors: «Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.»


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Der vollständige Zeitungsartikel aus “Der Bund” ist als PDF verfügbar.

Medienreaktionen

1 Kommentar

  • So erzeugt man Umsatz und für uns Steuerzahlende Mehrkosten:
    … weil die Lösung des Bundes auf einer älteren Version der Microsoft-Software Sharepoint basiert. Mit dem Erscheinen der neuen Version 2010 müsste der Bund bei seinen IT-Arbeiten wieder von vorne anfangen.
    Bravo, dass das endlich thematisiert wird, das gleiche Spielchen neue Software – neue Anpassungen – neue Anfoderungen an Hardware = neue Harsware = neu einrichten ….
    Läuft ja auch in vielen Schulen munter weiter, obwohl der Bildungsserver anderes empfiehlt

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