Themen: Open Budget, Open Government Data, Presse, Stadt Bern


Artikel in der SonntagsZeitung vom 3. Juni 2012, von Barnaby Skinner

Wie ein 21-jähriger Programmierer den Einblick in die Finanzen der Stadt Bern demokratisierte – und nun dasselbe mit der ganzen Schweiz vorhat

Nichts liest sich umständlicher als das Budget einer Stadt oder einer Gemeinde. Das PDF-Dokument, das die Stadt St. Gallen dieses Jahr auf ihrem Webportal veröffentlicht hat, ist hundert Seiten lang. Dasjenige von Basel-Stadt umfasst 344 Seiten, Zürich bringt es sogar auf 405 Seiten. Freiwillig kämpft sich da niemand durch. Dabei wäre eine einfache Übersicht, wie die Gemeinden die Mittel einsetzen, äusserst wünschenswert. Schliesslich geht es dabei um Steuergelder.

Seit kurzem bildet Bern die Ausnahme der Regel der trockenen Budgetübersichten. Auf spielerische Art und Weise können Nutzer ins Zahlenmeer der Stadtfinanzen 2012 eintauchen, um sich etwa vor Augen zu führen, dass die Hauptstadt fürs Sozialamt mehr Mittel zur Verfügung stellt als fürs Schulamt. Oder dass Bern die Kulturförderung mehr wert ist als sicherheits- und verkehrspolizeiliche Leistungen. Die interaktive Grafik ist auf der Website der SonntagsZeitung abrufbar.

Dahinter steckt allerdings nicht die Berner Verwaltung selber, sondern Thomas Preusse aus dem bernischen Langenthal. Der 21-jährige Rudolf-Steiner-Schule-Absolvent hat sich das Programmieren selber im Internet beigebracht und arbeitet heute als Entwickler. Preusse sieht das Berner Stadt-Budget erst als Anfang. Er möchte sein interaktives Budget auch für andere Städte wie Zürich entwickeln, damit «noch mehr Schweizer Bürger die Finanzen ihrer Wohngemeinde wirklich verstehen können». [Hinweis Blog Digitale Nachhaltigkeit: An der Opendata.ch Konferenz am 28. Juni 2012 findet eine Fachsession zum Thema Open Budget inkl. Vortrag von Thomas Preusse statt.]

Dank «Counter-Strike» zur eigenen Website

Angefangen hat Preusses Digital-Interesse vor über zehn Jahren mit dem Videospiel «Counter-Strike», einem Baller-Game, das für Medienpädagogen als gewaltverherrlichend gilt. Er spielte auf dem Computer seiner Mutter, den er mitbenutzen durfte. Nächtelang sass er vor dem Schirm. Für seine Mutter zu lange. Regelmässig verbot sie ihm die Tastatur.

Aus Preusses Passion fürs Zocken entwickelte sich die Dringlichkeit einer eigenen Website. «Jeder „Counter-Strike“-Spieler, der etwas auf sich hält, braucht einen Internetauftritt», sagt der Gamer Preusse. So arbeitete er sich systematisch durch Online-Gratis-Tutorials für Programmiersprachen mit kryptischen Namen wie PHP, um seine Site zu bauen.

Damals sehnte Preusse die Besuche in den Schulferien bei seinem Vater herbei, der getrennt von seiner Mutter in Südfrankreich lebte. Nicht, weil er sich auf Sonne und Strand freute, sondern weil ihn sein Vater länger vor dem Bildschirm sitzen liess.

Grosser Nutzniesser von Preusses Faszination fürs Programmieren ist nun die Stadt Bern. Daniel Schaffner, Finanzverwalter der Stadt Bern, bestätigte auf Anfrage, dass man sich vergangene Woche mit dem Entwickler darauf geeinigt habe, gemeinsam das Berner Budget 2013 visuell aufzubereiten. Schaffner: «Wir werden das intern verwenden, aber auch auf unserer Website publizieren. Bürger der Stadt Bern sollen damit ein besseres Verständnis unserer komplexen Finanzierung bekommen.» Preusse erhält in den kommenden Tagen ein Excel-File mit dem kompletten Budget für 2013.

So unspektakulär sich das anhört: Die Herausgabe von Rohdaten durch Behörden oder Verwaltungen gleicht in der Schweiz einer kleinen Revolution. Ihnen ist es bisher unangenehm, Rohdaten zu veröffentlichen. Sie verstecken diese lieber in PDF-Dateien, aus denen die Daten von Hand herausgelesen werden müssen, oder in Studien, in denen die Daten interpretiert werden. Die Argumente gegen die Publikation der Rohdaten sind immer dieselben: Deren Aufbereitung koste zu viel. Ausserdem könnten Laien falsche Schlüsse ziehen, weil sie die Erhebung nicht verstünden.

Dass Preusse an die Berner Budgetdaten in maschinenlesbarer Form gekommen ist, verdankt er dem Besuch eines Hackday im April. Hackdays sind Veranstaltungen, an denen sich Programmierer in offenen Workshops treffen, um Probleme zu lösen – meist technischer Natur. Am erwähnten Berner Hackday ging es darum, Apps zu entwickeln, die der Stadt zugutekommen könnten. Der Berner EVP-Stadtrat Matthias Stürmer, Mitorganisator des Anlasses, hatte dafür die Budgetdaten der Stadt Bern in einem Excel-File aufgetrieben. «Das war nicht einfach», sagt Stürmer. «Ich musste über ein halbes Jahr kämpfen.»

Künftig, so verspricht Daniel Schaffner, soll niemand so lange warten. Inspiriert von Preusses interaktiver Grafik, will der Berner Finanzverwalter mit der Stadtregierung Budgetdaten in maschinenlesbarer Form auf der Berner Stadt-Website veröffentlichen.

Schaffner folgt damit einem politisch breit gestützten Trend. Letzte Woche hat zum Beispiel der Nationalrat mit 168 zu 1 Stimmen beschlossen, dass Wetter-Rohdaten von Meteo Schweiz in maschinenlesbarer Form künftig umsonst im Web publiziert werden sollen. Nun muss der Ständerat darüber befinden. Zumindest der Nationalrat scheint aber dazu bereit, Ländern wie den USA und Grossbritannien zu folgen, die ihre Verwaltungen bereits dazu verpflichten, durch Steuergelder finanzierte Rohdaten im Internet zugänglich zu machen.

Schaffner relativiert: «Wir reden bei den Berner Finanzdaten von einem Pilotprojekt. Kosten darf es im Moment nichts.» Zudem stehe noch aus, in welchem Format man Daten im Web publizieren solle. Eine Diskussion, die es auch zu den Wetterdaten von Meteo Schweiz geben wird. Genauso wie die Diskussion, wie Meteo Schweiz die zwei Millionen Franken kompensieren will, wenn sie diese Daten dereinst umsonst abgibt. So viel verdient sie derzeit nämlich mit dem Verkauf der Wetterdaten an Dritte.

«Für Politiker im Wahlkampf wäre das doch cool»

Stört es den Jungentwickler Preusse nicht, dass er gewissermassen Fronarbeiter der Stadt ist? «Nein. Ich lerne viel. Und vielleicht reagieren andere Städte.» So soll die Stadt Zürich derzeit die Herausgabe ihrer Finanzrohdaten prüfen. Offiziell wollte diese dazu nicht Stellung nehmen.

Preusse arbeitet derweil an der Verbesserung seiner Grafik. In der nächsten Version sollen zum Beispiel nicht nur die Ausgaben aufgezeigt werden, sondern auch, welche Berner Stadtämter wie viele Einnahmen generieren. Zudem sollen Bürger per Mausklick ein Budget vorschlagen und publizieren können. «Oh, und für die Politiker», so der nächste Gedanke von Preusse, «für die Politiker wäre doch cool, wenn sie im Wahlkampf ihre eigenen Budgetversionen entwerfen könnten.»

Je länger man dem jungen Entwickler zuhört, desto klarer wird, wo er sich am wohlsten fühlt: in der Welt der Bits und Bytes und des Webs, wo alles möglich scheint, eine Welt, die er nun auf die Stadt Bern überträgt.

«Vielleicht sind es genau solche Computerfreaks, die wir brauchen, um die Möglichkeiten des digitalen Zeitalters für die Vermittlung von komplexen Sachverhalten zu nutzen», antwortet Finanzverwalter Daniel Schaffner vorsichtig auf die Frage, wie er den Programmierer Preusse einschätze.

Lehrgang zum Programmierer

Im Internet finden sich Software-Entwickler-Tutorials in Hülle und Fülle. Der Jungentwickler Thomas Preusse empfiehlt Programmierinteressierten, dort anzufangen, wo auch für ihn alles begann.

Mit dem Gratis-Tutorial http://tut.php-quake.net lernt man die Sprache PHP. Damit kann man zum Beispiel dynamische Websites bauen. Der textbasierte Lehrgang war auch für Preusse der Beginn seiner Programmiererkarriere. Besonders zu empfehlen sei die Site www.w3schools.com. Hier findet der Nutzer simple Anleitungen, um den HTML-Code zu lernen. Die Hypertext Markup Language (HTML) bildet die Basis des World Wide Web. Besonders ans Herz gewachsen ist Preusse die Programmiersprache Ruby: http://tryruby.org/levels/1/challenges/0. Der Code aus Japan sei besonders einfach zu lernen und könne selbst für eher komplizierte Entwicklungen wie für iPhone-Apps eingesetzt werden. Wer Video-Lehrgänge bevorzuge, finde bei http://www.codeschool.com/courses/rails-for-zombies einen guten Einstieg.

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