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Podiumsdiskussion mit Manuel Michaud und Matthias Stürmer Moderation von Georg Lutz (YouTube-Aufnahme)

debatteIm Rahmen der topsoft bietet die Open Source Community mit ihren freien Webservern, Datenbanken und Betriebssystemen auch für KMU Lösungen an. Der Versuch sich aus dem Bastlerimage zu befreien ist spürbar. Inzwischen gibt es Lösungen wie Linux oder Anbieter wie Red Hat, die die Nischen längst verlassen haben. KMU LIFE moderierte im Rahmen der letzten topsoft ein Panel zwischen den beiden Welten. Wir publizieren Ausschnitte aus der Debatte.

Herr Michaud, können Sie das Geschäftsmodell von Microsoft auf den Punkt bringen?

Michaud: Das Businessmodell von Microsoft ist ein einfacher Kreislauf. Es wird in Forschung und Entwicklung investiert. Daraus entwickeln sich Produkte, die an Kunden über Lizenzmodelle verkauft werden. Das Geld wird wieder in Forschung und Entwicklung gesteckt. – Das ist der pragmatische Kern von Microsoft.

Das klingt sehr unspektakulär. Herr Stürmer, wo liegen die Gemeinsamkeiten und Unterschiede?

Stürmer: Wir haben Gemeinsamkeiten: Microsoft ist zum Beispiel auch Mitglied bei ch/open. Grundsätzlich haben wir es aber mit zwei unterschiedlichen Geschäftsmodellen zu tun. Das eine beruht auf einem Lizenzverkauf und wir bieten Dienstleistungen an.

Sieht Microsoft auch Gemeinsamkeiten?

Michaud: Open Source ist für Microsoft sehr wichtig. Über 50 Prozent von Open Source-Lösungen laufen auf einer Microsoft Plattform. Wir haben ein Interesse, dass diese Produkte optimal auf unseren Plattformen laufen. Wir laden die Entwickler von Open Source-Programmen ein, damit ihre Programme sich gut bei uns integrieren.

Das ist mir fast zu kuschelig. – Kommen wir zum Kernanliegen von Unternehmen. KMU-Inhaber oder -Geschäftsführer haben wenig Zeit. Sie wollen Lösungen, die perfekt zu ihrem Unternehmen passen und einen guten Service. Ob der Quellcode offen oder geschlossen ist interessiert sie herzlich wenig. Ist Open Source provokant gefragt immer noch ein Thema für IT-Bastler?

Stürmer: Die Bastlerzeit ist schon lange vorbei. Das war vor zwanzig Jahren als der damalige Student Linus Torvalds den Linux Kernel erfunden hat. Aber schon damals haben sich professionelle Vertriebslösungen, wie die von Red Hat entwickelt. Heute ist das Unternehmen an der Börse notiert. Auch bei der Schweizer Firma, bei der ich arbeite, verdienen 60 Mitarbeitende ihr tägliches Brot mit Open Source-Diensteleistungen

Sie haben insofern Recht, da Open Source immer noch dieses alte Image hat. Das liegt aber an unserer vergleichsweise schwachen Lobbykraft.

Michaud: KMU haben eine schlanke Kostenstruktur und wollen sich auf ihr Kerngeschäft konzentrieren. Sie schauen aus diesem Grund nicht auf das Geschäftsmodell des Softwareanbieters, sondern analysieren welchen Mehrwert die neue Software ihnen bringen kann. Aber auch Risiken und Service stehen auf der Agenda. Wir haben uns den gleichen Anforderungen zu stellen.

Stürmer: Es gab aber in den letzten Jahren einen Wandel. Vor zehn Jahren ging es noch um die Funktionalität, oder die technischen Möglichkeiten der Software. Heute steht die Frage im Raum, was mir diese Software in einem langfristigen Zeitrahmen bringt. Und in diesem Zusammenhang will man weniger Abhängigkeiten aufbauen. Dort bietet die Open Source-Welt nachhaltige Alternativen.

Die Statistiken, die mir vorliegen sind nicht berauschend: Über 50 Prozent der Kunden sind mit ihrer neuen Software nicht zufrieden. Das betrifft beide Welten. Mit Stichworten wie Nachhaltigkeit kommen wir da nicht weiter.

Stürmer: Open Source ist keine eierlegende Wollmilchsau, aber das bessere Modell. Lassen Sie mich noch einen weiteren Grund anführen: Es gibt eine lebhafte Community, die sehr kritisch die neuen Produkte begleitet. Das explizite Wissen über den Quellcode ist sinnlos, wenn es nicht begleitet wird. Man ist nicht mehr abhängig von einer einzelnen Firma.

Jetzt haben wir doch die Debatte zwischen den Welten…

Michaud: Es handelt sich auch bei Open Source-Lösungen, beispielsweise bei Red Hat oder Novell, um kommerzielle Produkte. Diese Produkte werden auch nur eine gewisse Zeit unterstützt und irgendwann muss man sich für die neue Lösung entscheiden. Das ist die genau gleiche Situation. Wir haben es hier mit einer Scheindebatte zu tun.

Stürmer: Es ist richtig, man hat auch bei unseren Angeboten mit Produktzyklen zu tun. Aber es gibt eben bei einer offenen Community die Möglichkeit ein Konsortium zu bilden, um die Software weiter zu entwickeln.

Michaud: Linux ist doch ein gutes Beispiel. Die Kunden setzten doch Linux nicht ein, weil es ein Open Source-Projekt ist. Anbieter wie Novell haben sich den Quellcode angeschaut und bieten dann ein kommerzielles Produkt mit ihrem Support an. Es geht nicht mehr um das Interesse an einem Quellcode. Der Kunde kauft es, weil er sieht, dass es eine vernünftige Alternative zu proprietären Systemen ist. Beide Modelle näheren sich aus Sicht des Kunden immer mehr an. Er entscheidet sich für ein Produkt, der Code interessiert den KMU Kunden nicht.

Stürmer: Der Code von Windows ist tatsächlich solange uninteressant, solange nicht eine externe Community sich auskennt. Das Geschäftsmodell der proprietären Software bezieht sich auf die Abhängigkeit der Kunden. Und so hat man eine unglaubliche Verhandlungs- und Marktmacht. Solche Strukturen führen im Übrigen langfristig auch nicht zu tieferen Kosten.

Arbeiten Sie persönlich noch mit den Produkten von der anderen Seite?

Stürmer: Ja, ich bekenne es öffentlich, ich arbeite mit Windows. Ich habe auf meinem Notebook ein abgeriegeltes Betriebssystem von Microsoft als virtuelle Maschine installiert. Es gibt leider immer noch Firmen die ihre Lösungen nur auf die Windowswelt beziehen. Ansonsten arbeite ich seit fünf Jahren zu 99 Prozent mit Open Source-Software und bin glücklich und zufrieden damit.

Michaud: Ich teste regelmässig Open Source-Produkte. Das gehört zu meinem Job. Ich finde Vergleiche fast immer spannend. Bei Microsoft setzen wir zu Test- und Vergleichszwecken immer Open Source-Produkte ein.

  • Manuel Michaud ist Platform Strategy Manager bei der Microsoft Schweiz
  • Matthias Stürmer ist Projektleiter der Liip AG, Vorstandsmitglied der /ch/open und Organisator der OpenExpo

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