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Themen: Bundesverwaltung, Business, Juristisches, Kt. Basel-Stadt, Presse


Die zusammengefasste Reaktion des Berner Regierungsrats auf einen Vorstoss von Marc Jost, EVP-Grossrat des Kantons Bern (S. 17 bis 25) war deutlich: «Weshalb sollen sich Politiker mit Informatikfragen beschäftigen? Dies ist doch ein gänzlich technisches Problem, das einer operativen Lösung bedarf. Mit strategischen oder gar politischen Themen hat dies nichts zu tun!»

Selbstverständlich benötigen die Einführung und das Management von Informatiklösungen in komplexen Organisationen wie der öffentlichen Verwaltung das Wissen und die Erfahrung von IT-Profis. Dabei müssen die Anforderungen analysiert, mögliche Software-Lösungen evaluiert und schliesslich das wirtschaftlich günstigste Angebot ausgewählt werden.

Allerdings zeigen viele Beispiele, dass Informatik-Entscheide neben der kurzfristigen Problemlösung auch schwerwiegende und langfristige Auswirkungen nach sich ziehen. Es stellt geradezu das Geschäftsmodell der traditionellen Softwarebranche dar, durch Schaffung von Abhängigkeiten, langfristig Gewinne erzielen zu können. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht macht dies auch Sinn, durch Kundenbindung Erfolg zu erzielen – dies entspricht der Lehre, wie sie an den Hochschulen täglich unterrichtet wird.

Nichtsdestotrotz sind Informatikbezüger an möglichst viel Freiheit und Nachhaltigkeit ihrer Investitionen interessiert, sodass sie sich heutzutage emanzipiert haben und bewusster Software beschaffen sollten, als noch vor zehn Jahren. Ohne Frage hat der Open Source Markt auch grosse Fortschritte gemacht und kann sich in gewissen Bereichen, wie zum Beispiel der Benutzerfreundlichkeit, weiter verbessern. Was vor einigen Jahren erst halbfertige Alternativen von IT-Freaks zu Closed Source Lösungen darstellte, sind heute ebenbürtige Open Source Applikationen und Plattformen, die auf gleicher Augenhöhe agieren. Bei gewissen Software Kategorien wie Web-Server, Content Management Systemen oder Office Produkten macht es 2010 geradezu keinen Sinn mehr, Geld dafür auszugeben – Open Source Alternativen sind mindestens so gut, wenn nicht besser, als ihre proprietären Pendants. Und auch punkto Business Support durch etablierte Software-Dienstleister, haben sich einige erfolgreiche Geschäftsmodelle mittels Open Source Software etabliert.

Dennoch scheint in gewissen Organisationen das Potential von Open Source Software noch gar nicht oder viel zu wenig genutzt zu werden. Während inzwischen in der Privatwirtschaft, wie beispielsweise bei der Mobiliar Versicherung oder bei Manor, systematisch Open Source eingesetzt wird und Kantone wie Zug, Solothurn, Waadt oder Genf an strategischen Stellen Open Source Lösungen planen oder eingeführt haben, hat die Bundesverwaltung diese Chance bis heute verpasst. Vereinzelte Bundesämter, wie die swisstopo, wenden aufgrund von Eigeninitiative zahlreiche offene Technologien an, aber die aktuelle Klage von Open Source Dienstleistern beim Bundesverwaltungsgericht zeigt, dass leider der Bund noch viel aufzuholen hat.

In solchen Fällen muss politischer Druck aufgebaut werden. In diesem Zusammenhang hat die im 2009 gegründete parlamentarische Gruppe «Digitale Nachhaltigkeit» eine wichtige Aufgabe. Wo die überparteiliche Vereinigung heute steht und was die künftigen Tätigkeiten sind, stellen die Nationalräte Edith Graf-Litscher und Christian Wasserfallen im Rahmen ihres OpenExpo-Auftritts an der Topsoft vor. Die weiteren in diesem Kommentar angeschnittenen Themen und Aussagen werden ebenfalls im Rahmen der OpenExpo-Konferenz am 24. und 25. März 2010 von kompetenten Rednern erläutert.

2 Kommentare

  • Es ist richtig, in gewissen Organisationen und sehr vielen KMU wird Open Source Software bereits genutzt. Dort in der Regel häufiger, wo Software selber bezahlt werden muss! Viele KMU haben umgestellt oder bleiben auf alten MS-Versionen! Was machen viele Schulen, sie updaten mit Steuergeldern auf die neusten MS-Versionen!
    Vielen KMU fragen sich, was mit Ihren Steuergeldern gemacht wird!-
    Familien sind verunsichert, weil die Berichterstattungen in den Zeitungen oft nur über die Probleme schreiben und nicht gleichwertig zum Hintergrund und den Erfolgen mit Opensource! Selbst namhafte Computerzeitschriften rühmen zwar z.B. Openoffice diskret in kurzen Artikeln, schreiben dann aber seitenweise über neue Produkte der werbenden Firmen!

    Was tun?- Viele Firmen kommunizieren zu wenig nach aussen, dass sie bereits mit Opensource arbeiten! Deshalb unsere Empfehlung: arbeiten Sie als erstes mit Openoffice und GIMP und kommunizieren Sie es nach aussen, Sie werden staunen wie viele Opensource AnwenderInnen sich auch in Ihrem Bekanntenkreis finden! In unserem Quartier mit 30 Einfamilienhäusern, arbeiten mehr als 30 Personen zu Hause und/oder im Geschäft dauernd mit Openoffice und anderer freier Software!- Das Web funktioniert nur dank OSS! Treten Sie als OSS BenutzerIn selbstbewusster auf!
    outen auch Sie sich als OSS AnwenderIn

    Bilden Sie sich weiter! Nehmen Sie Einfluss in Ihrer Gemeinde, damit auch die Schulen konsequent informieren! Wussten Sie, dass mit Steuergeldern immer noch grossmehrheitlich proprietäre Software in der Weiterbildung gefördert werden.
    Wir warten übrigens immer noch auf eine griffige Stellungnahme des Lehrervereins Schweiz zum Thema Opensource im Unterricht!
    Unter dem Thema „ICT im Unterricht muss selbstverständlich werden“ sollte der LCH endlich Infos zu den UNO Empfehlungen zu Openaccess/Opensource aufschalten und fair informieren!
    ICT im Unterricht mit Opensource muss selbstverständlich werden!

  • IT Fragen gehören heute auf die Agenda von Politikern!

    Klar, nicht die organisatorischen und technischen. Es ist die volkswirtschaftliche und langfristige Entwicklung, die Risiken birgt und besondere Beachtung und allenfalls Intervention verlangt.

    Insbesondere möchte ich auf ein paar Faktoren für das Wirtschaftswachstums der letzten Dekaden hinweisen:
    – Bilanzieren von ideellen Werten und Substanzverlust infolge gleichzeitiger Reduktion von Anlagevermögen
    – kontinuierliche Ausbeutung von sich bietenden Resourcen (Rohstoffe, Arbeitskraft, Staatliche Mittel, in Zukunft erwartete Gewinne) und Entledigung der Folgeerscheinungen auf Kosten der Allgemeinheit oder von wehrlosen Benachteiligten
    – Schneeballeffekte durch Handel und wiederholtem Verkauf von Lizenz-, Urheber- und Nutzungsrechten

    Das Gefährliche daran: Das IT Lizenzgeschäft und die gesamte verwandte Industrie bedienen sich dieser Faktoren und haben sie perfektioniert. Ein bedeutender Teil der heute gemessenen Wirtschaftsleistung wird durch diese Mechanismen gebildet und basiert letztlich a) auf der Erwartung, dass es so weitergehen kann, und b) der heutigen Konsumkraft und Konsumbereitschaft von KMU und Bürgern. Diese Kreise sind speziell betroffen, weil Sie im Vergleich zu Grosskonzernen, Verwaltungen oder Schulen nahezu Bruttopreise für IT Produkte bezahlen.

    So werden nun funktionierende und noch immer leistungsfähige Informatikausrüstungen wegen Lizenzbedingungen ausgemustert und ersetzt durch Material, welches im Vergleich wenig Zusatznutzen bringt – einzig, damit der Geldumschlag in dieser Branche weiterhin stattfindet. Anbieter drücken ihr Geschäftsmodell und undurchsichtige Knüppelverträge mit harten Bandagen (oder Zuckerbrot) durch und es beugen sich die Wiederverkäufer, weil deren Einkommen unter der schwindenen, aufdoktrinierten Marge leidet.

    Auf der Strecke bleiben unglücklicherweise all diejenigen Wirtschaftszweige, welche tatsächlich Mehrwert und messbare Leistung produzieren: Landwirtschaft, Handwerk, Bildungswesen, Pflegeberufe, Industrie, Dienstleister, lokale Verteiler, weitere.

    Selbstversorgung, lokale Strukturen oder andere Bemühungen, dem Treiben auszuweichen, werden durch verschiedene Kräfte torpediert, wenn und weil diese dabei einen „globalen“ oder eigenen Vorteil sehen. Alternative Wirtschaftsmodelle fristen ein Schattendasein und gemeinnützige Arbeit (in Haushalt, Gemeinde und Vereinen) gibt es in den vielgelehrten Modellen nicht, obwohl sie die wertvolle und krisenfeste Basis unseres Zusammenlebens bildet.

    Drum – wenn die Gesellschaft die IT wieder unter Kontrolle bringt und die dahinterliegenden Mechanismen zähmt, dann sind wir auch für die nächsten wirtschaftlichen Problemstellungen gewappnet. Dank der aktuellen – noch IT lastigen – Auseinandersetzungen betreffend Patent- und Urheberrecht entwickeln sich funktioniertende Modelle für andere Bereiche.

    Für diese Diskussionen braucht es Führer, Denker und Entscheider mit Weitblick und ganzheitlicher Optik welche die Interessen der jetzigen und künftigen Bevölkerung vertreten.

    IT Fragen gehören heute auf die Agenda von Politikern.

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