Willkürlicher Entscheid des Solothurner Regierungsrates gegen Linux

MEDIENMITTEILUNG
SWISS OPEN SYSTEMS USER GROUP /CH/OPEN

Zürich, 20. September 2010

Obwohl die Solothurner Regierung noch im letzten Monat ihre positive Haltung zum Linux-Projekt der kantonalen Verwaltung öffentlich bekräftigte, hat sie letzte Woche ihre Strategie überraschend über den Haufen geworfen und sich plötzlich für Windows ausgesprochen. Dabei hat sie entgegen den Empfehlungen der von ihr selber beigezogenen IT-Experten entschieden. Die Swiss Open Systems User Group /ch/open stellt diesen willkürlichen Entscheid in Frage. Sie fordert als gesamtschweizerischer Verein für die Förderung von offenen Systemen den Regierungsrat auf, alle Einzelheiten ihrer Urteilsfindung bekannt zu geben und ein allfälliges Nachfolge-System im Rahmen einer korrekten öffentlichen Ausschreibung zu beschaffen.

Kurzer Rückblick: Die Informatikstrategie des Kanton Solothurns wurde 2001 vom Kantonsrat abgesegnet, in allen Behörden auf Linux umzustellen. Das Projekt Linux-Desktop wurde vom Regierungsrat im September 2006 definitiv beschlossen. Noch im vergangenen August 2010 bestätigte die Solothurner Regierung das Festhalten an der Linux-Strategie. Und nun berichtete die Solothurner Zeitung vergangene Woche am 15. September 2010, dass der Regierungsrat sich dennoch anders entschieden hätte. Der Linux-Desktop müsse weichen, alle kantonalen PCs müssten flächendeckend unter Windows 7 laufen. Völlig unklar bleiben die vermutlich massiven Kostenfolgen dieses plötzlichen Entscheids.

Bis 2010 resp. 2011 hätten sämtliche 2000 Solothurner Verwaltungsangestellte mit Rechnern unter Open Source Software (OSS) arbeiten sollen. Das Projekt stand nur wenige Monate vor dem Abschluss der Migrationsarbeiten: Bis dato wurde auf 1300 PCs unter Linux gearbeitet und bei den restlichen Computern war alles für den Linux-Einsatz vorbereitet.

Das weitgehend erfolgreiche, pionierhafte Linux-Projekt wurde jedoch verschiedentlich hinterfragt. Dazu zählten die Finanzkontrolle, vereinzelte unzufriedene Anwender und parlamentarische Vorstösse. In einer Interpellation vom 23. Juni 2010 unter dem Titel „Linux-Strategie am Ende?“ fragte die Fraktion CVP/EVP/glp im Zusammenhang mit dem Abgang des Chefs des für die Migration zuständigen Kantonalen Amts für Informatik und Organisation (AIO), Kurt Bader, den Regierungsrat, ob es denkbar sei, sich von Linux zu verabschieden. Die Antwort vom 10. August 2010 in Form eines Regierungsratsbeschluss auf Frage 17 lautete:

„Die Experten empfehlen, die bisher gewählte Ausrichtung auf offene Systeme und Linux nicht zu ändern, sondern nur die bisher gewählte Art und Weise der Umsetzung der Linux-Desktop Strategie zu korrigieren. Gemäss Aussagen der Experten entspricht die Ausrichtung auf eine Öffnung im Bereich des IT-Arbeitsplatzes, wie sie vom Kanton Solothurn angestrebt wird, den allgemeinen Entwicklungstendenzen in der IT-Branche. Eine ‚Verabschiedung‘ von Linux wäre gemäss Aussagen der Experten als Rückschritt einzustufen. Diese Empfehlung erachten wir als fundiert begründet und nachvollziehbar, weshalb eine Strategieänderung nicht in Erwägung gezogen wird.“

Es ist unbestritten, dass es bei diesem aufwendigen Migrationsprojekt Verzögerungen bei der Umsetzung gab, gewisse Software-Probleme auftraten und einige Mitarbeiter unzufrieden mit der neuen Benutzerschnittstelle waren – aber dies auch nicht mehr als in vergleichbaren Projekten dieser Grössenordnung. Als geradezu perfid sind Anschuldigungen, die wichtigsten Vorteile von einem Linux-Einsatz in Abrede zu stellen. So wurde öffentlich verschiedentlich die Aussage des für die Migration zuständigen AIO in Zweifel gezogen, mit dem Einsatz von Linux liesse sich pro Jahr mindestens 1 Mio. Franken sparen. Die Gutachter des Regierungsrats zumindest erachteten die bisher geschätzten Einsparungen von 1 bis 1,5 Mio. Franken jährlich aber als völlig plausibel.

Obwohl die neuen Kostenfolgen vom Regierungsrat nicht beziffert werden, sollen nächstes Jahr alle kantonalen Desktop-Rechner komplett auf Windows 7 umgestellt werden – dies offenbar ohne öffentliche Ausschreibung. Der Deutsche Online-Dienst Heise kommentierte letzten Donnerstag, dass die Kehrtwende der Regierung ausgerechnet jetzt erfolge, wo das grösste Migrationsproblem vom Tisch sei. Ob die Öffentlichkeit diesen Schritt auch dann noch honoriere, so der Heise-Artikel weiter, wenn die Kosten der Re-Migration bekannt würden, bleibe abzuwarten.

Dieser Schlussfolgerung kann sich die /ch/open nur anschliessen. Sie fordert erstens eine lückenlose Offenlegung aller Hintergründe, die zum letztwöchigen, entgegen den Ratschlägen der eigenen IT-Experten gefällten Entscheid des Regierungsrats geführt haben. Zweitens verlangt die /ch/open, dass ein allfälliges Nachfolge-Betriebssytem im Rahmen einer rechtmässigen öffentlichen Ausschreibung mit funktionalen Anforderungen und ohne Nennung von Produkt- und Herstellernamen beschafft wird.

Kontaktperson /ch/open
Dr. Matthias Stürmer
matthias.stuermer@ch-open.ch, +41 76 368 81 65
Vorstandsmitglied Verein Swiss Open Systems User Group /ch/open
Postfach 2322, CH-8033 Zürich, http://www.ch-open.ch

Medienreaktionen

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6 Kommentare

  1. Norbert Bollow
    Posted 20.09.2010 at 11:24 | Permalink

    In manchen Medien wurde während der politischen Auseinadersetzung über die Zukunft der Solothurner Kantonsinformatik berichtet, dass mit dem Linux-Desktop unzufriedene Mitarbeiter ihrem Unmut auf Websites zum Ausdruck gebracht hätten. Diese scheinen jetzt von Internet verschwunden zu sein. Da frage ich mich, ob diese Websites wirklich von unzufriedenen Mitarbeitern der Kantonsverwaltung oder eventuell in Astroturf-Manier von einer (von irgendeiner an einer Rückwärts-Migration interessierten Firma bezahlten) PR-Agentur angelegt worden sind.

  2. Daniel Stoni
    Posted 20.09.2010 at 11:39 | Permalink

    Hi Folks, möchte etwas zur Gelassenheit aufrufen. Klar verstehe ich die Bestürzung. Und für diejenigen, die wir seit Jahren von der Praxistauglichkeit und den Vorteilen von FLOSS überzeugt sind, ist nicht eben erfreulich, was berichtet wird.
    Wir traktandieren hier aber eine (interne) Sache einer Informatikabteilung und des Regierungsrats, welcher über grosse Vorgänge entscheiden muss. Das geht bestenfalls – wenn es denn wirklich um Investitionen und Kosten geht – die Steuerzahler im Kanton etwas an.

    Eher beunruhigend wirkt, dass überhaupt eine Geschichte aus einer Desktopstrategie gemacht wird, während sich der Markt aktuell ganz anderen IT Themen widmet. Die erfolgreichsten Marktplayer der letzten Jahre kümmern sich längst nicht mehr um Desktop Standards: Sie bauen Infrastrukturen und Informatikservices, welche von beliebigen Endgeräten genutzt werden können (Ebay, Google, Xing, Amazon, Facbook für Blackberry, iPhones/iPads, Android, Mac OS, Linux, Windows). Das Vorhandensein solcher Infrastrukturen und die Agilität, sich den stellenden Anforderungen anzupassen, wird also über Erfolg/Überleben eines grossen IT Shops entscheiden – nicht der Desktop. Der CIO hat die Aufgabe, Firmeninhaber, Geschäftsleitung etc solid zu beraten und in eine gute Richtung zu führen.

    Die “Kunden“ der kantonalen oder staatlichen Informatikeinrichtung sind schon jetzt nicht nur die eigenen Angestellten, sondern eine zunehmende Anzahl Nutzer von e-Government Lösungen. Eine Herausforderung. Und: Es gibt heute Organisationen (Beispiele aus der Schweiz vorhanden), welche sich für eine Art Extremform von Desktopstrategie rüsten – Beispiel: Der Mitarbeiter erhält ein Standardgerät. Dafür gibt es Support. Oder er kauft sich seine Endgeräte selbst – bei freier Wahl über Ausstattung und Leistung – er sorgt selbst (oder über lokale Dienstleister) für die Anbindung an die RZ Services, organisiert Support, bezahlt für Wartung oder Versicherungen. Ist ein aus ökonomischer/ökologischer Sicht interessanter Ansatz, der halt erst in Frage kommt, wenn die IT Infrastruktur einen Zoo von Endgeräten und die Vernetzung via WAN aushalten kann.

  3. Rolf Ackermann
    Posted 20.09.2010 at 15:02 | Permalink

    Es bleibt zu hoffen, dass die Solothurner Regierung dazu auch tatsächlich Stellung nimmt und sich nicht hinter irgendwelchen Kantonsgesetzen versteckt. Eine Analyse dieses Projektes ist unbedingt im Sinne aller Beteiligten und muss vorallem sehr detailiert sein.

  4. Reto Schubnell
    Posted 20.09.2010 at 18:25 | Permalink

    Mich erstaunt wieder einmal mehr, dass man sich nur auf das Betriebssystem konzentriert.
    Die Applikationen und die Programmiersprachen beeinflussen den Betriebssystementscheid.
    Solange Lieferanten auf .net und MS Office in Ihre Applikationen integrieren ist eine Umstellung auf Linux einfach schwierig. Im Umfeld der Kantone gibt es pro Bereich eine Handvoll Lieferanten für Fachapplikationen. Manchmal gibt Monopollieferanten. Somit bin ich an die Voraussetzungen gebunden. Eine Neuentwicklung macht für den Kanton keinen Sinn wenn man die Entwicklung nicht selber im Hause hat.
    Eine 2 Vendorstrategie im Desktopumfeld ist ebenfalls nicht sinnvoll.
    Wenn der Linux Desktop dann nur noch dazu dient als Client Connector auf einen MS Terminalserver zu verbinden ist fraglich für was ich dann ein Linux pflegen muss. Denn dies kann ich fixfertig aus einer Schachtel als ThinClient nehmen.
    Solange der Desktop nicht Sexy und einfach wie ein Mac daherkommt hat Linux wenig Akzeptanzchancen. Oder macht sich ein Privatanwender Gedanken dass ein iPhone, oder ein iPad mehrere Hundert Franken kostet. Hauptsache einfach und es erledigt den Dienst.
    Deshalb sollte man die Dienstleistung in den Mittelpunkt stellen und sich nicht an Technischen Feinheiten ergötzen. Ich brauche einfache, effiziente Mittel welche dem Benutzer einen „Dienst“ zur Verfügung stellen welcher er effizient nutzen kann um seinen Job zu erledigen.

  5. Theo Schmidt
    Posted 20.09.2010 at 20:36 | Permalink

    Der Regierungsratbeschluss vom 10. August (oben im Artikel-Text verlinkt) beantwortet eigentlich viele der Fragen, aber nicht diejenige, weshalb der Regierungsrat nun kurze Zeit später offenbar etwas ganz anderes beschliesst und zwangsläufig viel Arbeit und Steuergeld einsetzen müssen wird, um vieles bisherige rückgängig zu machen. Was ist in der Zwischenzeit passiert und weshalb?
    Im Beschluss steht auch, dass der früher IT-Chef Kurt Bader unter anderem wegen Information im Artikel http://www.pro-linux.de/news/1/15764/solothurn-probleme-stark-uebertrieben.html entlassen wurde. Ist der Artikel falsch und wenn nicht, was ist so schlimm, wenn ein Amtsvorsteher offen informiert?

  6. Posted 21.09.2010 at 10:55 | Permalink

    Kanton SO endgültig als Lachnummer?-

    Trotz einem mehrere hundertausend Franken teuren Expertenbericht wird die Übung entgegen der Empfehlungen der externen Experten und der Fachleute des AIO abgebrochen?-

    Das soll uns mal einer erklären! Die Experten bescheinigen, dass 1-1.5 Mio. gespart wurden und dass man auf dem richtigen Weg sei mit Linux!
    Statt die von den teuren Fachexperten empfohlene duale Strategie (Linux und Microsoft) wie andern Orts erfolgreich durchzuführen, soll mit einem Hauruck wieder fast alles nun mit Microsoft erfolgen!
    Unglaublich, welche Resourcen da verloren gehen! Die vielen Weiterbildungen mit Openoffice und die problemlose Anwendung von GIMP, soll auf all das verzichtet werden?-

    Was wird nun tatsächlich gemacht? Zeitungsartikel und die offiziellen Medienmitteilungen widersprechen sich!-
    An der Dualstrategie der Experten (Linux – Microsoft als Ergänzung) wurde noch in der Medienmitteilung vom 6.7.2010 ausdrücklich festgehalten. Die Berichterstattung in der Solothurner Zeitung war wohl unvollständig?-
    Als Stimmbürger erwarte ich, dass die Verwaltung Empfehlungen von externen Experten befolgt und das der Kantonsrat die Thematik zumindest diskutiert und dass die entsprechenden Dokumente zugänglich sind, was typischerweise beim Linuxbericht nicht der Fall ist! Trotz mehrmaligem Nachhaken habe ich den Bericht immer noch nicht und bekomme nur Bruchstücke der Infomation!
    Gilt genau hier, das sonst im Kanton Solothurn so vielgerühmte Öffentlichkeitsprinzip, nicht?-

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